«Ein Stück Heimat zum Anziehen» - wie es um die Tracht steht

Wie gegenwärtig sind traditionelle Trachten noch? Der Deutsche Trachtentag will alljährlich die modische Vielfalt der Republik zeigen. Und welche Macht eine Tracht auch für den Nachwuchs haben kann.

 

Hauben, Borten, Schleifen: Trachtenexpertinnen und -experten bangen um den Erhalt der traditionellen Kleidungsstücke in Deutschland. «Heutzutage gibt es fast nur noch Festtagstrachten», sagt Charles Koppehele, Vorsitzender des Mitteldeutschen Heimat- und Trachtenverbands. Die Gewänder mit Geschichte seien meist nicht so alltagstauglich und bequem. «Da schlupfen Sie nicht mal so eben rein.» 

Es seien vor allem die traditionellen Anlässe, wenn Trachten aus dem Schrank gezogen werden: Fastnachten, Ostersingen, Hochzeiten und alles rund um den Gang in die Kirche. Oft gleiche das Anziehen einer Prozedur, die nur mit Hilfe funktioniere, erklärt Charles Koppehele. Denn: Druckknöpfe oder Reißverschlüsse gab es meist noch nicht, als die Trachten erstmals geschneidert wurden.

Deutscher Trachtentag: Schaulaufen aus dem ganzen Bundesgebiet

Am Wochenende wollen die deutschen Trachtenverbände im brandenburgischen Lübbenau etwas dafür tun, dass ihre liebsten Kleidungsstücke wieder mehr ins Bewusstsein rücken. Der Deutsche Trachtentag im Spreewald wird zum alljährlichen Schaulaufen der traditionellen Gewänder aus dem ganzen Bundesgebiet. 

Gekürt wird auch die «Tracht des Jahres». Im Jahr 2026 geht sie an eine Gruppe aus der Lausitz. Wichtig für die Auszeichnung: Es muss eine lebendige Tracht sein, wie es Charles Koppehele nennt. «Sie darf nicht nur in Museen und Kleidertruhen gelagert sein.»

Den Höhepunkt erlebten bäuerliche Trachten in der Mitte des 19. Jahrhunderts, erklärt Marlies Koppehele, die auch eine Fibel über Trachten geschrieben hat. Mit der Industrialisierung sei die Verbreitung langsam weniger geworden. Heute sieht die Gattin des Verbandsvorsitzenden das Tragen einer Tracht vor allem als Ausdruck der Verbundenheit mit einer Region.

«Man bekommt eine stärkere innere Ausstrahlung»

«Tracht ist ein Stück Heimat zum Anziehen», bringt es Marlies Koppehele auf den Punkt. Wenn sie selbst eine Tracht trage, bekomme sie automatisch eine andere Haltung, schwärmt sie, die selbst vier Trachten besitzt. «Nicht nur wegen der Schwere der Stoffe, sondern man bekommt eine stärkere innere Ausstrahlung.»

Wie die traditionellen Kleidungsstücke an die nächste Generation weitergegeben werden können? «Man kann Tracht nur weitertragen, indem man Kinder gewinnt», sagt Marlies Koppehele. Nachwuchs gebe es zum Beispiel durch AGs in den Schulen - und indem man mit Vorurteilen aufräume. Eine Tracht sei zum Beispiel keine Uniform, betont sie, sondern biete durchaus Raum für Individuelles: die bunten Seidenbänder am Rocksaum etwa.



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